Lernt eure Nachbarn kennen!

Erschienen in: Frankfurter Rundschau, 02.09.2016, Seite 20.

Sechs Länder in drei Wochen: Leon Ginzel, Stipendiat der Karl-Gerold-Stiftung, ist in diesem Sommer mit einem Interrail-Ticket durch die EU gereist. Er wollte wissen, wie viel von der Idee Europas nach dem Brexit und dem Wiedererstarken nationaler Strömungen übrig ist.

„Der Brexit ist ein Weckruf für alle! Die Staaten werden jetzt hoffentlich wieder mehr zusammenrücken.“

Leon Ginzel fährt mit der Tramlinie 2 durch Triest

Es dauert nicht lange, da schießt sie mir schon im feinsten Sächsisch entgegen – die erste Meinung zur EU. Ich habe gerade im Berliner Hauptbahnhof mein enges Schlafabteil nach Offenburg betreten und den blauen Backpacking-Rucksack auf die harte Pritsche des Stockbettes geworfen, da meldet sich Gerhard zu Wort. Mein einziger Schlafnachbar in diesem 6er Abteil liefert fabrikneue Müllwagen von einem Ort in der EU zum anderen. Diesmal „ausm Pott nach Frankreich“. Er findet die EU wichtig und bedauert die aktuelle Krise. „Aber die da oben auf der Insel waren schon immer anders. Mich überrascht der Brexit nicht“, erzählt er im Liegen – die Kappe noch auf der Halbglatze, die Arme auf seinem kugeligen Bierbauch abgelegt. „Wenn Brüssel schon so viel regelt, sollten sie wenigstens mal ein einheitliches Tempolimit festlegen.“ Draußen zieht die Nacht vorbei und das gleichmäßige Rattern des Zuges trägt mich in den Schlaf – begleitet von Gerhards gnadenlosem Schnarchen. Eine unruhige erste Interrail-Nacht. Mehr als drei Wochen lang bin ich unterwegs durch Europa, um nach dem Brexit und den Erstarken nationaler Kräfte die Stimmung der Menschen in der EU aufzufangen. Über Straßburg geht es dann am nächsten Morgen nach Bordeaux. Einer von zehn französischen Spielorten der Fußball-Europameisterschaft in diesem Sommer. Abends schlendere ich durch die engen Altstadtgassen runter zur Uferpromenade der Garonne, wo sich das junge Bordeaux trifft. So wie Lillen, Erasmusstudentin aus Norwegen, die sich selbst als weltoffene Verfechterin des grenzenlosen Reisens beschreibt. Auf der anderen Seite aber eingestehen muss, dass zu viel Machtabgabe an Brüssel irgendwie auch nicht das Richtige ist. Ist das dieser typisch norwegische Euroskeptizismus? Immerhin haben Lillens Landsleute zweimal einen Beitritt abgelehnt. „Ich vertraue der EU insgesamt nicht. Das ist ein elitärer Kreis aus Staaten, der Entscheidungen heimlich fällt, im Sinne der Wirtschaft.“ Was ihr gerade Sorgen macht, sei die zunehmend rassistische Stimmung in Europa. „Ich habe das Gefühl, wir stehen aktuell an einem ganz historischen Punkt.“ Ganz unrecht scheint sie damit nicht zu haben. Allein wenn man die allgemeinen globalen Entwicklungen – Stichwort Trump oder Erdogan – betrachtet. Oana sieht die Situation nicht weniger emotional – aber pro-europäischer. Die junge Rumänin treffe ich am nächsten Tag auf einem Espresso am Place Camille Julian. Ihre Haltung erklärt sich auch durch ihren Job: Die 23-Jährige volontiert in einem EU-Bildungs-projekt. „Der Brexit ist ein Weckruf für alle! Die Staaten werden jetzt hoffentlich wieder mehr zusammenrücken.“ Klar gebe es unterschiedliche Traditionen und Klischees. „Meine habe ich aber in der Zeit hier in Frankreich abgebaut und ich nehme sogar was mit: diesen unglaublichen Zusammenhalt.“ Sie meint die vom Terror gebeutelte Seele der Grande Nation. Auch in Bordeaux unübersehbar, wenn wieder einer der schwer bewaffneten Soldatentrupps durch die Stadt patrouilliert. Deshalb sei auch die EM-Stimmung erst zum Viertelfinale so langsam in Fahrt gekommen, findet Jules, 23, Kunststudent. „Am Anfang waren wir noch nicht so emotional dabei.“ In seinem Wohnzimmer unterhalten wir uns über die EU: „Gerade in dieser globalisierten Welt brauchen wir den Zusammenhalt der Staaten.“ In Frankreich aber kippe die Stimmung. Die extreme Rechte lege immer weiter zu. Die Menschen verstünden nicht, dass der Mix von verschiedenen Ideen viel mehr brächte als nationale Alleingänge. Dass die europäische Politikelite dagegen halten kann, glaubt er nicht. „Die interessieren sich doch gar nicht für die Menschen. Die ziehen eine Show ab.“ Diese Brüsselsche Parallelwelt, abgehoben und ohne Bezug zu den normalen Menschen, ist in der Tat nicht von der Hand zu weisen. Die Distanz der Politiker, finanziell und emotional, ist sicher einer der Gründe, warum viele Menschen von Europa abrücken. Meine Reise durch Frankreich geht weiter. Auf der Fahrt über Marseille nach Nizza schlängelt sich der Zug an der wunderschönen Mittelmeerküste entlang, mit Blick auf das azurblaue Wasser und das bunte Treiben der Strandbäder. Abends in Nizza angekommen, flaniere ich im Strom der Touristenmassen durch die Gassen. Auch entlang der Promenade des Anglaises. Genau dort, wo sechs Tage später ein offenbar von den Terrortaten des „Islamischen Staats“ inspirierter Mann in eine Menschenmenge rast und dabei 84 Personen tötet. Eine Tat, die Europa und die Meinungen der Menschen, die ich auf der Reise treffe, verändern wird. Am nächsten Morgen ziehen draußen am Zugfenster die Yachten der Superreichen vorbei, als ich über Ventimiglia und Mailand nach Bologna Centrale weiterreise. Hier auf Gleis 11, zwischen Snack-Automat und Abfahrtstafel, bekommt der Brexit plötzlich ein Gesicht. George aus Southampton – braune, lockige Haare, ein großer Reiserucksack auf dem Rücken, ein kleiner vor die Brust geschnallt – reist mit seiner Freundin per Interrail durch Europa. Während die beiden auf ihren Zug nach Florenz warten, legt er los. „Ich habe Europa und die EU mit ihrer Vielfalt immer gemocht. Jetzt fühlt es sich an, als wäre mir die Staatsbürgerschaft geraubt worden.“ An die EU und die Kraft der Gemeinschaft glaubt er aber nach wie vor. Interrail könne genau das stärken. „So kannst du Europa günstig kennenlernen und ein Gespür für die verschiedenen Kulturen bekommen.“ Dann zögert er: „Ich weiß grad gar nicht, ob wir Interrail nach dem Austritt überhaupt noch nutzen dürfen?“ „Doch, doch. Machen die Amis auch“, wirft seine Freundin aus dem Hintergrund ein und deutet auf das Gleis. Der schnittige Schnellzug Frecciarosa schiebt seine markante Nase in den Bahnhof. George verabschiedet sich und steigt ein. Auf dem Weg zur nächsten Station durch die EU, zu dem sein Heimatland bald nicht mehr gehören wird. Bologna präsentiert sich mir wie im Bilderbuch: viele junge Studenten, kleine, atmosphärische Plätze und ein Gewusel auf den Straßen bis spät in die Nacht. Genau das, was viele Nordeuropäer an den südlichen Ländern so schätzen. Wie in Frankreich gibt es auch hier nicht diesen unterschwelligen Zeit- und Leistungsdruck. Die Leute genießen mehr, sie gehen mit der wirtschaftlich schwierigen Lage deutlich gelassener um. Eine Querstraße vom Piazza Maggiore entfernt komme ich mit Paul aus Graz ins Gespräch. Eine der spannendsten Begegnungen der Reise. Der 28-Jährige pilgert gerade nach Assisi und tritt im Herbst in ein Franziskanerkloster ein. Auch er klagt die aktuelle Atmosphäre in Europa an. „Wir bauen wieder Mauern und Zäune – ich dachte, das haben wir schon hinter uns.“ Insgesamt sei es gerade eine „Fifty-Fifty“ Situation. „Entweder wir haben eine viel, viel stärkere Union oder wieder ein zersplittertes Europa!“ Jetzt sei es wichtig, den Leuten klar zu machen, dass es den Nationalstaat zwar brauche, aber auch einen gesamteuropäischen Patriotismus. Die Begegnung fasziniert mich. Seine Worte treffen den Punkt. Nur – kann das auch funktionieren? Ein gesamteuropäischer Patriotismus? Oder ist die Mehrheit nicht doch zu sehr auf den Einzelstaat fokussiert, so wie Lillen, die Norwegerin in Bordeaux? Trenitalia bringt mich weiter über Mestre nach Triest. Hier im äußersten Nordosten treffen Italien, Slowenien und Kroatien aufeinander. Ein perfekter Ort also für solch einen gesamteuropäischen Patriotismus – könnte man meinen. Aber auch die Triester scheitern daran. Zumindest laut Luca, mit dem ich unweit vom Piazza dell’Unità d’Italia ins Gespräch komme. „Wir hier in Triest sind ein Stück weit Multi-Kulti, ja. Aber gerade die Älteren werden immer rassistischer und sehen nicht, dass sie in ein paar Kilometer schon in einem anderen Land sind.“ Wie es gehen kann, zeigen Inus und Christina. Er aus Dänemark. Sie aus Bulgarien. Das intereuropäische Reiseduo hat sich zufällig getroffen und trampt seitdem zusammen durch Europa. Inus plädiert dafür, sich endlich mal klar zu entscheiden. „Entweder wir lassen das mit der EU komplett sein oder wir geben unsere nationale Vorherrschaft auf.“ Aber auch er sieht Differenzen. Gerade bei in den ehemaligen Sowjetstaaten stelle er oft fest, wie groß die Unterschiede seien. Dann denke er über eine kleinere EU nach, eine Nord-West Allianz. Reisepartnerin Christina hat einen anderen Background. Ihr Heimatland Bulgarien ist arm. Die EU unterstütze den Willen der Menschen aber nicht, daran etwas zu ändern. „Wenn es allgemein so weitergeht, wird das Ganze auseinanderbrechen.“ Vielleicht sei es auch der falsche Schritt gewesen, Länder wie Bulgarien aufzunehmen, genauso wie die Flüchtlinge nach Europa zu lassen ohne ein vernünftiges Konzept dafür zu haben. Und das alles, obwohl Europa so reich sei, so bunt. „Das versteht man nirgendwo besser als auf Reisen. Wer zu Hause bleibt, wird immer engstirnig und skeptisch gegenüber anderen sein.“ Am nächsten Morgen überlege ich, wohin ich jetzt fahren will. Mir wird bewusst, wie selbstverständlich es vor allem für meine Generation geworden ist, sich einfach in den Zug zu setzen und in ein anderes Land zu fahren. Früher hätte ich schon zig Stempel in meinem Pass und zweimal Geld umtauschen müssen. Das fällt bisher alles weg. Die einzige Passkontrolle, die ich auf der gesamten Reise miterlebt habe, war in Ventimiglia. Primär der angespannten Flüchtlingssituation dort geschuldet. Unsere selbstverständliche Leichtigkeit des Reisens hat eine ungeheure Kraft. Eine Kraft, die wir oft aber einfach nicht mehr sehen, weil sie zum luxuriösen Standard geworden ist. Ich entscheide mich für die Route über Ljubljana und Bratislava Richtung Osteuropa. Vom Grenzkaff Opicina, oberhalb von Triest gelegen, dauert es knapp zwei Stunden nach Ljubljana. Während draußen die Berglandschaften langsam von Wiesen und Sonnenblumenfeldern abgelöst werden, treffe ich die nächsten, die das leichte Reisen nutzen, um neue Kulturen kennenzulernen. „Wir haben uns bewusst für den Balkan entschieden – Paris macht ja jeder Interrailer. Und es ist echt faszinierend, wie sich ein Ort vom nächsten unterscheidet.“ Mia kommt aus Dänemark und ist mit zwei Kommilitonen unterwegs. Die Theaterstudentin findet, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt wird, wenn man viel reist. „Das ist auch das Problem mit England, die sind zu isoliert.“ An die EU glaube sie auch deshalb, weil sie eine wichtige Plattform sei, miteinander zu reden. Abends treffen wir uns in einer Bar in der Altstadt von Ljubljana wieder. Es ist die vielleicht schönste Szene auf der Reise. Denn auch Vera und Seraya, zwei Interrailer aus der Schweiz, setzen sich zu uns an den Tisch. Die beiden Geographiestudentinnen sind beste Freunde – bei der EU aber komplett anderer Meinung. Vera findet: „Wir sollten jetzt bloß nicht eintreten. Das wäre überhaupt nicht gut. Geht ja alles den Bach runter gerade!“ Seraya widerspricht: „Gerade jetzt in dieser Krise kannst du doch gestalten als neues Mitglied. Schon wegen der Globalisierung wäre es wichtig, wenn die Schweiz in ein solches Bündnis eintritt.“ Die Dänen schalten sich ein und so wird es endgültig zu einem europäischen Interrail-Stammtisch mit Leuten aus drei Nationen mitten in Slowenien. Nach einer Nacht in dieser Stadt fahre ich weiter nach Bratislava, das voll ist mit überraschend hippen Cafes, die an Berlin erinnern. Da hätte ich mehr Ostblockcharme erwartet. Dafür wird ein anderes Klischee erfüllt. Irina, Mitte 30, arbeitet als Rezeptionistin. Die EU? Ein großes Chaos! Größter Kritikpunkt: die geplanten Flüchtlingsquoten. Die Slowaken seien aufgrund der kommunistischen Vergangenheit keine Ausländer gewöhnt. „Klar ist da auch viel Angstmacherei dabei. Aber wer weiß schon, wer da alles mit ins Land kommt.“ Die EU-Skepsis scheint im Osten zuzunehmen. Auch in Tschechien, wo ich in Brno Halt mache – der zweitgrößten Stadt des Landes. Rund um den Pub Vycep na Stojaka im Schatten der St. Jakobs Kirche trifft sich traditionell die halbe Stadt auf ein Feierabendbier. Hier schlagen sich auch die Ereignisse in Nizza und der gescheiterte Putsch in der Türkei nieder. Die Menschen sind verunsichert. „Der Brexit interessiert mich gerade null! Die Türkei und Nizza – das macht mir als Familienvater Angst!“, sagt der 32-Jährige Jiri mit ernster Miene. Auch Mirka beschäftigt das Thema. Doch die 25-Jährige glaubt, dass der gemeinsame Kampf gegen den IS das Potenzial hat, Europa wieder zu vereinen. „Das kann die Menschen zusammenschweißen. Denn wir sehen das Problem ja auch und wollen es gemeinsam bekämpfen!“ Das Thema Nizza spielt auch in Wroclaw eine Rolle. Die Stadt an der Oder ist meine letzte Station auf der Reise und gleichzeitig „Europäische Kulturhauptstadt 2016“. Ausgerechnet in Zeiten großer Spannungen zwischen Brüssel und Warschau nach der Wahl der neuen ultrakonservativen PiS-Regierung und deren strikter Ablehnung, Flüchtlinge aufzunehmen. Bei Nina und Julia, beide 21, stößt die Kehrtwende ihres Landes auf Fassungslosigkeit. Die neue Regierung schreibe Schulbücher um und zensiere Barack Obama. Warum so viele PiS gewählt haben? „Das liegt an der Flüchtlingsdebatte. Die haben offenbar Angst, dass Tausende ins Land kommen und sie beklauen oder vergewaltigen.“ Kuba, der als Stadtführer arbeitet, versteht das mit Blick auf die eigene Geschichte überhaupt nicht. Viele Polen seien selbst Flüchtlinge gewesen, das Land mehrfach geteilt geworden. „Aber das hängt auch damit zusammen, dass viele nicht aus ihrem Kokon rauskommen. Die sollten mal in andere Länder fahren, dann würden sie auch ihre Vorurteile abbauen.“ Schön, dieses Plädoyer fürs Reisen so in Polen zu hören. Nach fast einem Monat europäischer Reiseeindrücke. Während am nächsten Morgen auf der Fahrt zurück nach Berlin die Weizenfelder am Zugfenster vorbeifliegen, wird mir klar: Diese Tour hat ein zweites Europa gezeigt. Das eine, politische, spielt sich in Brüssel ab. Das andere Europa ist das der Menschen. Vorrangig der jungen, die beispielsweise Interrail nutzen, um ihren Kontinent und andere Kulturen kennenzulernen. Die den Gedanken Europas viel mehr verstanden haben und die leere, politische Hülle mit Leben füllen. So kann Europa funktionieren. Wenn zum Beispiel zwei Schweizerinnen, drei Dänen und ein Deutscher in Slowenien an einem Tisch sitzen, über die EU diskutieren und nebenbei feststellen, wie viele Gemeinsamkeiten sie eigentlich haben. Das zeigt, wie viel Kraft dieser Austausch bedingt durchs Reisen hat. Ein Austausch, der durch die Reisefreiheit so einfach geworden ist. Und so selbstverständlich. Insgesamt bleibt das Gefühl, dass die meisten Menschen dieses krisengeschüttelte Europa aber noch wollen. Vertrauen haben, in die Stärke eines Bündnis, in die Kommunikation untereinander. EU-Skeptikern kann ich nur zurufen: Reist mehr, redet miteinander, lernt eure Nachbarn kennen! Für Brüssel gilt: Geht auf die Menschen zu und füllt die politische Hülle eurerseits mit Leben. Weitere Eindrücke mit Bildern und Videos mit den Interviewpartnern gibt es auf dem Reiseblog des Autors unter interrailblog.tumblr.com.